Cosimo My & WTplus

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1. Die Wurzeln: Vom Heizungsmonteur zur Kampfkunst!

Geboren 1973, wurde Sifu Cosimo My erstmals durch Ikonen wie Bruce Lee, Jean-Claude Van Damme und Jackie Chan auf die Kampfkunst aufmerksam. 1989, nach Abschluss einer Ausbildung zum Heizungsmonteur – einer Bedingung, die sein Vater stellte, bevor er eine Kampfkunst erlernen durfte – begann er in seiner Heimatstadt Bad Wildungen mit dem Training in WingTsun (WT). 1994 machte er seine Leidenschaft zum Beruf.
Als Privatschüler von Großmeister Keith R. Kernspecht erlangte Sifu My den 8. Meistergrad im WingTsun und einen Master-Abschluss in Sportpädagogik. Er leitet ein Netzwerk von EWTO-Schulen in ganz Deutschland und ist eine der Schlüsselfiguren hinter WTplus – der jüngsten Sparte der EWTO.
Aus jahrzehntelanger Erfahrung und einem tiefen Engagement für praktische Relevanz heraus konzentriert er sich nun darauf, die nächste Generation des WingTsun durch innovative, zugängliche Trainingsmethoden zu formen.

2. Der Beginn: Eine lebensverändernde Vorführung

Wie hat Ihre Reise in die Kampfkunst begonnen und was hat Sie schließlich zu WingTsun geführt?
Einige Freunde und ich hatten bereits einige Erfahrung in anderen Stilen, aber alles änderte sich im April 1989 bei einer Vorführung von Emin Boztepe, Uwe Giese und ihrem Team in der Berliner Straße in Bad Wildungen.
Wir waren eine Gruppe von Teenagern, aufgeregt, weil wir wussten, dass sogar Bruce Lee diese Kunst trainiert hatte, bevor er Jeet Kune Do entwickelte. Die Vorführung hat uns umgehauen – die praktische Anwendung, die Einfachheit der Bewegungen, die Art und Weise, wie die Kraft des Gegners genutzt wurde, kombiniert mit der Geschwindigkeit und Kraft, war genau das, wonach wir gesucht hatten. Von diesem Moment an war klar – wir wollten WingTsun lernen. Das war der Beginn unserer gemeinsamen Reise.

Was hat Sie speziell zu WingTsun hingezogen und was hält Ihre Leidenschaft dafür aufrecht?
Mich zog seine praktische Effektivität an, die Suche nach einer Kampfkunst, die jedem Angriff mit nur wenigen präzisen und effizienten Bewegungen begegnen konnte. Schon früh faszinierte mich die Frage, wie man sich in realen Situationen wirklich schützen kann. Im Mittelpunkt stand dabei die Idee, die Energie eines Angreifers zu absorbieren und umzuleiten, zusammen mit den kurzen, explosiven Bewegungen und der Fähigkeit, schnell und entschlossen zu reagieren.
Was mich heute weiterhin inspiriert, ist, wie sich WingTsun zu einem ganzheitlichen System entwickelt hat, das Körper und Geist stärkt und die allgemeine Gesundheit fördert. Es schärft meine Fähigkeit, Situationen klar zu beurteilen, was mir hilft, das Leben mit größerer Ruhe und Zuversicht zu meistern. Im Laufe der Zeit ist es zu meiner Lebensaufgabe geworden – eine tägliche Quelle der Herausforderung und Erfüllung.
Ebenso wichtig ist mein Engagement, nicht nur Kampffähigkeiten zu lehren, sondern auch Kernwerte wie Respekt, Disziplin und Selbstvertrauen, um stärkere Beziehungen und ein tieferes Gemeinschaftsgefühl zu fördern.

3. Mentoren und Meilensteine: Der Wandel vom Kämpfer zum Coach.

Wer waren die einflussreichsten Lehrer auf Ihrer Reise und wie haben sie Ihre Praxis beeinflusst?
Meine ersten Sihings, Emin Boztepe und Uwe Giese, sowie andere Lehrer haben meinen Kampfstil bis etwa zu meinem 2. Technikergrad geprägt – das waren meine wilden Anfänge. Danach suchte ich nach dem richtigen Mentor, was mich schließlich zum Hauptquartier der European WingTsun Organisation (EWTO) auf Schloss Langenzell führte – der Beginn einer neuen Ära.
Mit einem kampfbetonten WingTsun-Hintergrund kam ich mit viel Selbstvertrauen auf Schloss Langenzell an, das erst gezähmt werden musste. Bis dahin bestand mein WingTsun hauptsächlich aus Kettenfauststößen, Kreis-Schritten und einfachem Nachgeben. Ich erinnere mich lebhaft daran, wie ich von Großmeister Thomas Schrön, der die Akademie leitete, korrigiert wurde.
Diese Korrektur war genau das, was ich brauchte: Mein Kampfstil wurde mit einer starken technischen Grundlage verfeinert. Bis heute habe ich großen Respekt vor Großmeister Schrön und schätze seine Einsichten.
Gleichzeitig vertiefte sich meine Beziehung zu meinem Sifu, dem verstorbenen Großmeister Kernspecht. Alles änderte sich, als ich vor etwa 20 Jahren in Bulgarien das Sportpädagogik-Studium mit Spezialisierung auf WingTsun begann.
Diese Studienzeit markierte einen tiefgreifenden Perspektivwechsel. Alles wurde hinterfragt: Wie wird Kraft erzeugt? Wie gehen andere Kampfsportarten damit um? Diese Fragen lösten eine Bewegung hin zu einem funktionell orientierten WingTsun aus.
Anfangs leistete ich Widerstand und fragte Sifu, warum die Änderung nötig sei, da „WingTsun doch schon so gut funktionierte“. Er antwortete: „Ja, für dich. Aber was ist mit jemandem ohne deine Attribute?“ Er riet mir, es ein Jahr lang zu versuchen. Ich bin dankbar, dass ich es getan habe. Es hat alles verändert und WingTsun für mich zu der perfekten Kampfkunst geformt – kraftvoll und doch in starken Werten verwurzelt. All dies spiegelt sich nun in WTplus wider.
Für mich wird ein wahrer Meister nicht durch Geschwindigkeit, Stärke oder Ausdauer definiert, sondern durch die Fähigkeit, Kernprinzipien und Funktionen klar zu erklären. Ich kann diesem Visionär nicht genug danken; für mich ist er die einzige WingTsun-Legende.

Unterrichten kann manchmal ein einseitiger Prozess sein. Wie wachsen und verfeinern Sie Ihre eigenen Fähigkeiten weiter?
Meine Erkundung von Boxen, Ringen, Jiu-Jitsu und anderen Künsten hat mehrere Gründe. Ein Teil davon ist die pure Freude an der Bewegung und die Neugier auf verschiedene Konzepte und Strategien.
Ein weiterer Grund ist, dass das Training in anderen Systemen als Stresstest für die WingTsun-Prinzipien dient. Im „offenen Feld“ – ungewohnte Situationen und neue Herausforderungen – kann ich seine Anpassungsfähigkeit testen und verfeinern. Dies zwingt mich, über festgelegte Muster hinauszugehen und die Essenz der Kunst in einem breiteren, realistischeren Kontext zu verstehen.

4. Schwachstellen und Evolution: Die Geburt von WTplus

Wie hat Ihre Reise Ihre Lehrphilosophie und Führung innerhalb von WTplus beeinflusst?
Sie hat mich vom Kämpfer zum technisch versierten Praktizierenden weiterentwickelt. Diese Erfahrung hat meine Lehrphilosophie grundlegend neu geprägt, die sich nun auf praktische Relevanz, einen ganzheitlichen Ansatz und ein tieferes Verständnis der Kampfkunst konzentriert.
Wing Chun wird heutzutage oft für mangelnde Qualität kritisiert. Warum hat es Ihrer Meinung nach diesen Ruf erlangt?
Ich glaube, das liegt an einigen Schlüsselfaktoren: Lehrmethoden sind inkonsistent, es fehlt ein klares, einheitliches System und ein sichtbarer „Proof of Concept“ durch Challenges, anders als beim Boxen oder MMA.

Gibt es Aspekte, in denen Wing Chun Schwächen aufweist? Wie könnte es von Elementen anderer Kampfkünste profitieren?
Wing Chun ist bekannt für seine Effizienz auf kurze Distanz, aber aus moderner Sicht hat es bestimmte Lücken. Es fehlen Bodenkampf und Wurftechniken, und Sparring unter vollem Widerstand ist oft begrenzt. Distanzmanagement und Kondition können ebenfalls Schwachstellen sein.
Großmeister Kernspecht erkannte diese Mängel in den 1980er Jahren und überarbeitete das EWTO WingTsun. Er führte das Training über alle Distanzen, einschließlich Bodenkampf, ein. WTplus begegnet diesen Mängeln nun mit Programmen wie „Get in Contact“, „Contact“, „Extreme“ und „Anti-Ground Fight“, unterstützt durch Sparring über „FightFit“ und szenariobasiertes Training.

5. WTplus: Das Hybrid-Lernsystem der nächsten Stufe

Was ist WTplus und wie würden Sie jemandem, der es nicht kennt, seinen Zweck und seine Richtung beschreiben?
WTplus ist das weltweit erste Hybrid-Lernsystem für WingTsun. Es wurde entwickelt, um die Grundlagen traditioneller Kampfkünste mit modernen Trainingsmethoden zu verbinden und einen flexibleren, transparenteren und zugänglicheren Lernansatz zu bieten. Das Ziel ist es, WingTsun so zu vermitteln, dass es den zeitgenössischen Bedürfnissen entspricht – ein Gleichgewicht zwischen Kampffähigkeiten, körperlicher Kondition und mentalem Fokus.
Es verschmilzt langjährige Prinzipien mit aktualisierten Lehrstrategien und schafft so eine Lernerfahrung, die in der Tradition verwurzelt bleibt, aber den Wandel begrüßt. Innerhalb der EWTO beschreibt sich WTplus als „der moderne Kampfsport für realistische Selbstverteidigung“.
Was hat die Entwicklung von WTplus inspiriert?
Traditionelle Lehrmethoden begannen, ihre Grenzen in der heutigen Welt aufzuzeigen, insbesondere in Bezug auf Flexibilität und praktische Relevanz für das tägliche Leben. Viele Menschen hatten nicht die Zeit für starre Stundenpläne. WTplus entstand aus dem Wunsch, WingTsun zugänglicher und anwendbarer zu machen. Unser Ziel war es, eine Brücke zwischen bewährter Tradition und den Bedürfnissen moderner Schüler zu bauen.

Was genau unterscheidet es von der „traditionellen“ Methode, die innerhalb der EWTO gelehrt wird?
Der Hauptunterschied liegt in der Struktur und der Vermittlung. Während die traditionelle EWTO-Methode typischerweise einem linearen, persönlichen Format folgt, kombiniert WTplus persönlichen und digitalen Unterricht über eine App, Online-Ressourcen und ein modulares Curriculum. WTplus legt auch einen stärkeren Fokus auf funktionelle athletische Übungen und realistische Anwendungsszenarien.

Welche Vorteile bietet die WTplus-App den Schülern?
Die App bietet Flexibilität und Transparenz. Der Lehrplan ist in allen Formaten konsistent, der Fortschritt wird zentral erfasst und ist jederzeit abrufbar. Regelmäßige Updates und verbesserte In-App-Benachrichtigungen halten Benutzer über neue Inhalte und Fortschritte auf dem Laufenden.

6. Das Tiger-Programm: Fokus auf den Nachwuchs

WTplus hat auch ein Programm für jüngere Praktizierende entwickelt. Was bietet das Tiger-Programm Kindern und Jugendlichen im Alter von 5 bis 15 Jahren?
Das Tiger-Programm führt Kinder und Jugendliche durch altersgerechtes, spielerisches Training in die Grundlagen des WingTsun ein. Neben den Kampffähigkeiten werden auch die Entwicklung von Selbstvertrauen, Disziplin und sozialer Kompetenz betont.
Warum ist diese Art von Training heute besonders wichtig?
Kinder sind heute verschiedenen Belastungen ausgesetzt – von sozialen Konflikten bis hin zu digitalen Risiken. Das Programm bietet praktische Werkzeuge, die ihnen helfen, alltägliche Herausforderungen mit größerer Sicherheit zu meistern. Letztendlich geht es darum, fähige, geerdete Individuen zu fördern.

7. Führung und Vision: Die Zukunft des WingTsun

Wie hat die enge Zusammenarbeit mit Ihren Partnern, Mark Tietz und Lutz Trabert, die Entwicklung von WTplus geprägt?
Die Zusammenarbeit mit Mark und Lutz ist unerlässlich. Wir bilden ein gut koordiniertes Team: Mark glänzt in Design und Struktur, Lutz analysiert das System sorgfältig mit Fokus auf Klarheit, und ich steuere praktische Erfahrung und Kerninhalte bei. Diese Synergie ermöglicht es uns, WTplus mit technischer Strenge, praktischer Relevanz und Innovation zu entwickeln.

Was ist Ihre Vision für die Zukunft des WingTsun bei WTplus?
Mein Ziel ist es, WTplus als das weltweit führende Hybrid-Lernsystem für Kampfkünste zu etablieren. Wir werden die App weiter verbessern und interaktive Funktionen hinzufügen. Ich möchte WingTsun unabhängig von Ort und Zeitplan zugänglich machen. Dafür planen wir, unsere Partnernetzwerke international auszubauen und Inhalte in weiteren Sprachen anzubieten, um eine globale Gemeinschaft aufzubauen.

Welche Qualitäten versuchen Sie, Ihren Schülern neben den technischen Fähigkeiten zu vermitteln?
Disziplin, Kampfgeist und Geduld.

Wie soll Ihr Beitrag zu Wing Chun in Erinnerung bleiben?
Mein Ziel ist es, dass Wing Chun seine wohlverdiente Bedeutung und sein Ansehen innerhalb der Gemeinschaft und darüber hinaus zurückgewinnt.