Seit Mitte der 70er Jahre sind wir in der EWTO mit WingTsun und Escrima bemüht die Prinzipien und Kampfweise der jeweiligen Kampfkünste für unsere Zeit zu adaptieren, um die Funktion für aktuelle Szenarien zu gewährleisten, aber auch um den Zugang für jedermann/frau zu ermöglichen. Was macht aber eine realistische Selbstverteidigung aus? Geht es um eine Ansammlung von Techniken, um einen sportlichen Vergleich oder ist es etwas ganz persönliches, wo die Entwicklung und der Schutz des eigenen Lebens und der Familie im Vordergrund stehen?

Obwohl jeder aus der Kampfkunst sich mit der Zeit den gewünschten Aspekt und Schwerpunkt herausfiltern kann, muss man sich fragen – wozu gibt es Kampfkünste, warum wurden sie entwickelt und welchen Nutzen bringen Sie uns in der heutigen Zeit?

Eine Auseinandersetzung oder eine Selbstverteidigungssituation baut sich meistens in der gleichen Reihenfolge auf und ist in jeder Phase zu deeskalieren oder, wenn dies nicht möglich ist, frühzeitig zu unserem Gunsten zu beenden. Die Erfahrung zeigt auch, dass der Straßenkampf chaotisch, ohne Spielregeln, über alle Kampfdistanzen und unverhofft passieren kann. Der Unterschied zum Sportkampf ist meiner Meinung nach das breite Spektrum an möglichen Gefahren, die jederzeit vorkommen können. Zum Beispiel:

 

  • Verbale und körperliche Bedrohung bzw. Angriff
  • Bedrohung und Angriff durch mehrere Angreifer
  • Bedrohung und Angriff bewaffneter Angreifer
  • Angriffe in der Bodenlage & Überfall

 

Um eine passende Vorgehensweise zu lernen, die nicht nur auf Technik und Kraft basiert, sondern auf Prinzipien und Taktik, haben wir im WingTsun zur Hilfestellung die folgenden Merksätze:

Ist der Weg frei, stoße vor!

Beim Überschreiten der „Hauptzone“ (oder „Magnetzone“) stoßen wir unsere Arme in Verbindung mit dem Körper gleichzeitig und keilförmig vor. Idealerweise flankieren wir den Gegner, nutzen die Energie aus dem Boden (Reaktionskraft) und führen sie von den Füßen über alle Gelenke zur Hand. Der gegnerische Angriff wird am Ansatz durch einen Gegenangriff gestört und bis zur Kontrolle des Gegners konsequent weitergeführt. Der Überraschungseffekt ist hierbei ein ausschlaggebender Punkt. Dabei spielt die Art und Weise des gegnerischen Angriffes keine entscheidende Rolle.

Ist der Weg nicht frei, bleibe kleben!

Sollten wir den Gegenangriff nicht zum Ziel bringen können und auf Widerstand stoßen, ziehen wir unsere Arme nicht zurück, sondern bleiben kleben und kontrollieren.

Ist der Gegner kräftiger, gib nach!

Wenn die Kraft des Angreifers unsere Kraft an einem Punkt übersteigt, etablieren wir diesen Punkt und geben vorerst mit unseren Grundreaktionen nach. Hierbei nutzen wir die Kraft des Gegners und lassen uns mit Hilfe der 4 Grundreaktionen und der Schrittarbeit in Sicherheit bringen. Das Nachgeben an einem Punkt hat aber nichts mit Schwäche zu tun. Eine gute Struktur und das Zusammenspiel aller Gelenke sind notwendig, um die Kraft des Gegners zu nutzen, ohne das eigene Gleichgewicht zu verlieren.

Weicht der Gegner zurück, folge!

Aus dem Kontaktpunkt und der stetigen Vorwärtsenergie zum Gegner ergibt sich bei einer Lücke das Durchfließen zum Zentrum des Kontrahenten. Hierbei nutzen wir die Ausholbewegung des Gegners, um in die Lücke vorzustoßen oder die Struktur zu brechen.

Abschließend sollte man bedenken, dass eine gute Struktur und Schrittarbeit sowie das Flankieren, Nachsetzen und Dranbleiben, Voraussetzungen sind um ein gutes und brauchbares WingTsun zu praktizieren.

Cosimo My